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Liegt wirklich im Zucker die Gefahr?

 

 

 

VON KATHARINA

Im April 2018 veröffentlichte DER SPIEGEL eine Titelgeschichte zum Thema Zucker: über das Suchtpotential und die Unwissenheit der Eltern. Über die Gefahr von Übergewicht und Krankheiten.

Dass unsere Welt komplex ist und Eltern oft verunsichert sind, welche Ernährungsform die Beste ist, wird leider nicht thematisiert. Liegt wirklich im Zucker die Gefahr? Ist diese Annahme nicht etwas eindimensional? Wie soll es gelingen, die Kinder komplett von Zucker fernzuhalten? Was löst das in unseren Kindern aus? All diese Fragen bleiben unbeantwortet. Katharina hat zu einigen Aussagen im Artikel Stellung genommen. 


SPIEGEL-These 1: Eine strikte Haltung in puncto Zucker ist gut und richtig. 

 

Im Artikel wird implizit der zuckerfreie Vormittag der Grundschule Heusenstamm als positives Beispiel befürwortet. Die kleine Emma wird zitiert mit den Worten: „Ich mag keine Cola. Ich darf sie aber auch nicht.“ Beide Sätze machen mich – nach allem, was ich recherchiert und persönlich erfahren habe – sehr nachdenklich. Kinder haben eine klare Tendenz zu süßen Lebensmitteln. Die Muttermilch schmeckt süß, Geborgenheit wird damit assoziiert und evolutionsbedingt wird süß präferiert, da es ein Schutz vor Gefahr darstellt. Es gibt weltweit kein süßes Lebensmittel, das gleichzeitig giftig ist. Die Vermutung liegt nahe, dass der Satz „Ich mag keine Cola“ ein nachgesprochener, erzieherisch vorgegebener Satz ist. Das Kind passt sich den Erwartungen an und wiederholt für die Eltern wünschenswerte Sätze. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dieser Satz nicht von Herzen kommt. Der zweite Satz erscheint schon ehrlicher: „Ich darf sie aber auch nicht.“ Hier kommt ganz klar eine dogmatische Erziehung zum Ausdruck. Cola ist verboten. Punkt. Eine derart dogmatische Haltung birgt eine Vielzahl an Gefahren für das heranwachsende Kind:

 

  • Es ist möglich, dass das Kind den so genannten „Verzicht-Hunger“ entwickelt und einen unbändigen Drang auf die „verbotene Frucht“ entwickelt. Wenn Kinder die Möglichkeit haben, beispielsweise bei Geburtstagsfeiern, essen Kinder mit Verzicht-Gefühlen Süßigkeiten im Übermaß. Denn sie stehen einmal nicht unter Beobachtung ihrer Eltern, die argwöhnisch jedes Stück Kuchen kommentieren. Eine interessante Studie bestätigt diese Theorie: Kinder, die strikt erzogen werden, haben eine Vorliebe für Limonade mit dem höchsten Zuckergehalt. Kinder, die regelmäßig Zucker und süße Lebensmittel essen dürfen, wählten deutlich seltener den hohen Zuckergehalt. 19 Prozent von ihnen entschieden sich sogar für die Limonade mit dem niedrigsten Zuckeranteil, während kein einziges Kind, das restriktiv erzogen wurde, diese Variante auswählte.
  • Vielleicht ist Emma aber auch bereits so indoktriniert, dass sie auch am Kindergeburtstag verächtlich auf die Kinder schaut, die Süßigkeiten essen. Dies ist aber in keinster Weise beruhigend, denn Orthorexie ist auf dem Vormarsch. Bereits Kinder teilen ihre Lebensmittel in „gesund“ und „ungesund“ ein und achten peinlich genau darauf, was sie essen. Nicht selten mündet dieses Verhalten später in einer Essstörung. Hier wird bereits kleinen Kindern die Leichtigkeit genommen, sie agieren wie Erwachsene, die Ernährung verkopft behandeln. Der in dem Artikel positiv dargestellte Satz „Die Mädchen und Jungen achten untereinander darauf, dass die Vereinbarung eingehalten werde“ erschreckt mich als Mutter zutiefst. Bereits in der Grundschule sind die Kinder bereits Teil einer Gesinnungspolizei, die darauf achtet, dass kein Kind aus dem Ernährungsdogma ausschert. Einige Jahre später werden diese Kinder dann plötzlich voller Sorge betrachtet, weil sie peinlich genau auf ihre Ernährung achten und strikt Diät halten. Dass Kinder gemobbt werden, die sich dem Gesundheitsdiktat nicht unterwerfen und die Low-Carb-Diät nicht einhalten wollen, ist keine Seltenheit mehr. Ich möchte als Mutter nicht hinnehmen, dass Brotdosen verächtlich angesehen werden, wenn sich darin Schokoriegel befinden oder dass Kinder gehänselt werden, die sich offenbar nicht selbst-optimieren wollen. Die Zahlen hierzu sind erschreckend. Obwohl nur 10% der Mädchen tatsächlich übergewichtig sind, fühlen sich 50% von ihnen zu dick. Ein Drittel der jugendlichen Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren hat Anzeichen einer Essstörung.
  • Psychologen bestätigen, dass Kinder besonders dann zu Essstörungen neigen, wenn die Eltern (oft besonders die Mütter) sehr kontrollierend auf das Kind einwirken. Wenn dem Kind kein Vertrauen in die eigenen Kompetenzen entgegen gebracht wird, wenn es eingeengt und bevormundet wird.
  • Selbstvertrauen macht Kinder stark gegen Essstörungen und Übergewicht. Nicht Bevormundung und Gesinnungspolizei.

SPIEGEL-These 2: Eine Steuer für stark gezuckerte Getränke ist sinnvoll.

 

Der SPIEGEL argumentiert, dass sich in Großbritannien durch die Einführung einer Steuer der Zuckergehalt in Softdrinks deutlich verringert hat. Dass der Zucker zum Großteil durch Süßstoffe ersetzt wurde, wird hingegen nicht erwähnt. Das bedeutet: Ab sofort wird Kindern, die Softdrinks trinken, suggeriert, ihr Körper würde Energie erhalten, die faktisch nicht zugeführt wird. Was passiert mit dem Körper? Der Körper schüttet Insulin aus, um den vermeintlich angestiegenen Blutzuckerspiegel zu senken. Da aber keine Energie im Körper ankommt und somit der Blutzuckerspiegel gar nicht steigt, baut der Körper das Insulin ab, das sich sowieso im Blut befindet. Die Folge: Der Körper versucht, den Blutzucker-Gehalt, idealerweise durch die Aufnahme von Süßem, wieder auszugleichen. Dieser Mechanismus wird erfolgreich in der Schweinemast eingesetzt. Es ist also davon auszugehen, dass sich mit dieser Maßnahme keine Gewichtsreduktion von übergewichtigen Kindern erzielen lässt. Im Gegenteil. Die natürliche Körperintelligenz von Kindern und Jugendlichen wird zusätzlich gestört werden.

 

SPIEGEL-These 3: Zucker löst, vermischt mit Fett, ein Suchtverhalten aus.

 

Dies ist in keiner Weise belegt. Studien, die auf diesen Mechanismus hinweisen, wurden in den meisten Fällen einseitig angelegt. Ein Beispiel: Wenn eine Ratte ausschließlich mit Zucker und Fett gefüttert wird, ist offensichtlich, dass sie ein natürliches Gefühl für Hunger und Sättigung verliert. Wenn Kinder aus einer vielfältigen Auswahl wählen können, ernähren sie sich ausgewogen. Kinder haben die natürliche Kompetenz, auch ein Eis (Mischung aus Fett und Zucker) zurückzugeben, wenn sie satt sind. Emotional stabile, intuitive Kinder schlingen eben nicht unüberschaubare Mengen von Zucker und Fett in sich hinein. Im Gegenteil: Kinder, die Schokolade essen dürfen, sind weniger übergewichtig als Kinder, die weniger Schokolade bekommen. Leider werden diese Studienergebnisse oft schlicht „unter den Teppich" gekehrt. Eine weitere Studie fand heraus: Kinder, die wenig Fast Food essen (dürfen), haben einen höheren BMI als Gleichaltrige, die häufig oder sehr häufig zu Fast Food greifen. Wenn sie aber einmal Fast Food essen (dürfen), essen sie mehr davon. Es liegt die Schlussfolgerung nahe, dass der Verzicht-Hunger diese Kinder über die Stränge schlagen lässt. Natürlich gibt es triebhafte Essanfälle bei Menschen, das möchten wir keineswegs wegdiskutieren. Menschen werden oft übergewichtig, weil sie ein Binge-Eating-Problem entwickeln. Die Gründe hierfür sind aber viel komplexer als die reine Reduktion auf ein Fett-Zucker-Gemisch. Oft sind es emotionale Gründe, die durch Essen kompensiert werden. Auch früh eingeführte Belohnungsmechanismen spielen eine Rolle. („Wenn du brav bist, bekommst du als Belohnung ein Eis.“) Das Nahrungsmittel alleine führt eben nicht zu einem triebhaften Essverhalten. Jeder, der Kinder hat, und diese intuitiv entscheiden lässt, wird dies feststellen.

 

SPIEGEL-These 4: Kinder werden übergewichtig, weil die Eltern nicht wissen, welche Lebensmittel wie viel Zucker enthalten.

 

Diese These halten wir für zu eindimensional. Häufig ist sogar das Gegenteil der Fall: Dagmar Pauli, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, schreibt in ihrem Buch „Size Zero“, dass sich eine gesunde Ernährung eher erreichen lässt, wenn man sich nicht allzu viel mit der Zusammensetzung und den Gefahren einzelner Lebensmittel befasst. Gerade die starke Verstandsorientierung in puncto Ernährung stört die Körperintelligenz. Wir glauben: Nicht die Unwissenheit fördert Übergewicht, das Problem ist deutlich vielschichtiger. Es würde reichen, wenn Eltern ihren Kindern eine vielfältige Auswahl zur Verfügung stellten. Die auf Eltern einprasselnden Empfehlungen führen häufig zu Entscheidungen, die gerade nicht gut sind für die Kinder. Ein Beispiel: Ich hatte Kontakt zu einer Familie, die – weil sie es von Herzen gut meinte – die Essensregel einführte, dass immer erst die zweite Brötchenhälfte süß sein darf (aus Angst vor zu viel Zucker). Mit der logischen Konsequenz, dass die Kinder, wenn sie Lust auf ein Brötchen mit Marmelade oder Honig hatten, gezwungen waren, zuerst eine herzhafte Brötchenhälfte zu essen. Nach dieser einen Brötchenhälfte waren sie vielleicht schon satt, aßen dann aber natürlich noch die zweite Hälfte, auf die sie sich ja eigentlich gefreut hatten. Das einseitige, eindimensionale Informieren der Eltern fördert also Mechanismen, die dann wiederum Übergewicht begünstigen können. Die Kinder selbst könnten sehr wohl fühlen, was ihr Körper gerade braucht. Mit einer Einschränkung: wenn an Kinder permanent (leckeres) Essen herangetragen wird. Man muss Kinder nicht an Essen erinnern, wenn sie beispielsweise gerade spielen.  

 

SPIEGEL-These 5: Die westliche Ernährungsweise mit hohen und regelmäßigen Zuckerschwemmen führt dazu, dass pausenlos Insulin ausgeschüttet wird.

 

Hier stimmen wir weitgehend zu. Nur: Die Bauchspeicheldrüse kommt per se nicht zur Ruhe, wenn dem Körper permanent Nahrung zugeführt wird. Die gleiche Körperreaktion wird hervorgerufen, wenn permanent Obst gegessen wird. Der Körper ist darauf ausgelegt zu essen und anschließend zu verdauen. Wir haben ausgefeilte Hunger- und Sättigungsmechanismen in uns, denen wir Gehör schenken sollten. Unser Körper gibt uns ein Signal, wenn er Nahrung aufnehmen möchte – er signalisiert Hunger. Und unser Körper gibt uns ein Signal, wenn er satt ist. Besonders Babys und kleine Kinder können diese Mechanismen noch sehr intuitiv anwenden. Sie weinen, wenn sie Hunger haben und der Mund bleibt geschlossen, wenn sie satt sind. Wenn der Körper so funktionieren darf, wird auch die Bauchspeicheldrüse nicht überfordert. Mit dem Konsum von Zucker hat dies wenig zu tun. Kinder können das intuitiv – alleine. Solange man ihre Körperintelligenz nicht stört, durch Belohnungen mit Essen, Bestrafungen mit Essen, Gewohnheitsessen, Bevormundung oder emotionalem Stress. Die Schuld alleine beim Zucker zu suchen ist unreflektiert und bestärkt Familien darin, weiter auf Verbote und strenge Essensregeln zu setzen.

 

SPIEGEL-These 6: Zucker macht krank und dick.

 

Zucker per se macht nicht krank und dick, sondern der übermäßige Konsum von Zucker, wie auch von anderen Lebensmitteln. Wenn ein Mensch seine natürliche Körperintelligenz verliert und nicht mehr anhand von Hunger und Sättigung isst, sondern aufgrund anderer (beispielsweise emotionaler) Gründe, entwickelt er möglicherweise Übergewicht sowie Folgeerkrankungen. Wir leben in einer komplexen Welt. Uns stehen Schätzungen zufolge 200.000 Lebensmittel zur Verfügung. Dies ist einfach ein Fakt. Natürlich können wir damit beginnen, eine Steuer auf Zucker zu erheben. Wir könnten aber auch Konservierungsstoffe verbieten, wir könnten Geschmacksverstärker verbieten, wir könnten Süßstoffe, von denen wir nicht sicher sagen können, ob diese künstlichen Produkte nicht höchst gesundheitsschädlich sind, verbieten. Wo sollen wir anfangen, wo sollen wir aufhören? Emotional stabile, gesunde, intuitive Menschen essen nicht, bis sie krank und übergewichtig sind. Das Problem ist vielschichtiger. Diätspiralen, Leistungsdruck, emotionale Kälte – um nur einige zu nennen. 

 

SPIEGEL-These 7: Zugesetzter Zucker hängt mit vermehrter Energieaufnahme zusammen und vermehrter Adipositas.

 

Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder, die viel Schokolade essen, weniger übergewichtig sind als Kinder, die wenig Schokolade essen. Es gibt keinen belegten Zusammenhang für den Konsum von Softdrinks und dem Körpergewicht bei Kindern. Generell gibt es keinen Beweis für einen Zusammenhang von Körpergewicht und Zuckerkonsum. Die Gründe für eine erhöhte Energieaufnahme liegen an anderen Stellen – wie Essen aus Gewohnheit oder eine fehlende Vielfalt in der Nahrungsmittelauswahl bei Kindern. Wenn Kinder gar nicht die Wahl haben, ob sie Fanta oder Wasser trinken möchten, werden sie ihren Durst mit Fanta löschen und somit ihre natürlichen Hunger- und Sättigungssignale stören. Wenn sie aber die Wahl haben, werden sie Durst mit Wasser löschen und zu Fanta greifen, wenn sie Energie benötigen. Die Kausalkette „Zucker führt zu vermehrter Energieaufnahme“ ist nicht belegt.

 

SPIEGEL-These 8: Die Zuckersteuer funktioniert – Mexiko macht es vor!

 

Dieses Argument lässt sich schnell entkräften, denn es gibt keinen einzigen Beweis, dass die Zuckersteuer zu einer Verringerung des Übergewichtes bei mexikanischen Kindern geführt hätte.

 

SPIEGEL-These 9: Zucker ist der heimliche Killer. Wer regelmäßig zu viel Zucker zu sich nimmt, erhöht sein Diabetes-Risiko.

 

Die Betonung sollte hier nicht auf Zucker liegen, sondern auf regelmäßig. Wenn man regelmäßig zu viel isst, egal was, führt dies zu negativen gesundheitlichen Folgen. Wenn wir unsere Hunger- und Sättigungssignale übergehen, leidet der Körper. Wenn man regelmäßig im Übermaß Proteinriegel zu sich nimmt, leidet der Körper ebenso. Wenn man 6000 Kalorien isst und sich den ganzen Tag nicht bewegt, leidet der Körper. Studien haben im Übrigen gezeigt, dass auch der Konsum von Cola light zu Diabetes führen kann, genauso wie bei Cola, ohne dass in Cola light Zucker enthalten wäre. 

 

Fazit

Wir bei confidimus sind keineswegs Vertreter der Zuckerlobby. Wir würden uns auch manchmal wünschen, dass wir in einer einfacheren Welt leben könnten. Ein Bergbauer, der sich den ganzen Tag bewegt und die Produkte seines Bauernhofes genießt, wird weniger Übergewicht oder eine Essstörung entwickeln. Wir leben aber nun einmal in einer komplexen Welt. Die Frage ist, wie wir mit damit umgehen. Eine kognitive, verstandsorientierte Herangehensweise ist nachweislich nicht zielführend. Was wir brauchen ist ein Rückbesinnen auf uns und unsere Körperintelligenz – die wir nachweislich haben. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unseren Kindern zu helfen, diese Körperintelligenz zu bewahren.

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